Bleau verstehen

Fontainebleau ist einfach das Mekka im Bouldern. Es ist das Gebiet wo die Top-Kletterer der Welt zusammenkommen und sich selbst an legendären Problemen in Bas Cuvier oder Franchard messen. Viele Boulder hier sind klein und auch für Kinder geeignet, gleichzeitig finden sich auch ausgewachsene High Balls, bis zu 15 Meter hoch und echt angsteinflößend. Die Konzentration an herausragenden Boulder-Problemen in diesem Gebiet macht es einmalig weltweit.

In Bleau kann jeder jeden Tag in den Wald und die Probleme ausbouldern – und das sogar das ganze Jahr über. Selten ist es zu kalt oder zu heiss um so gar nicht bouldern zu können. Das einzige, was einen stoppen kann, ist der Regen.

In Bleau finden sich 10.000+ spannende Boulder und noch viel mehr Wege diese auch zu meistern. Die benötigten Skills sind fast immer radikal anders am Fels als in der Halle. Es geht weniger um pure Kraft, sondern um Balancefähigkeit, Technik und exzellente Fußarbeit.

Was Bleau für Boulderer so einzigartig macht, ist neben der schieren Masse an Möglichkeiten, die super definierten Parcours. Die Parcours sind hervorragend mit Farben und Pfeilen markiert (wie beim Skifahren: blau, rot, schwarz) und bestehen aus 25-75 Problemen. Das letzte Problem ist meist der höchste Block. Also Vorsicht, nicht alle Power schon vorher verpulvern. Es finden sich ca. 250 markierte Parcours in Bleau.

Eine überragende Leistung ist das Absolvieren eines solchen Parcours im Modus ‚Flash‘ oder ‚onsight‘ an einem Tag, d.h. im allerersten Versuch oder nach mehrmaligen Anläufen, aber immer alle hintereinander. Leicht abgewandelt auch als ‚Magicien Challenge‘, d.h. alle Probleme eines Parcours an einem Tag mit maximal 10 Abwürfen.

Bouldern nach John Gill als Suche nach dem Flow

Eigentlich interessant welchen Stellenwert John Gill in diesem Interview dem Bouldern in seinem Leben beimisst.

Klettern und Bouldern war für mich immer eine Nebenbeschäftigung, nie eine Sache, die mein Leben bestimmt hat. Ich habe immer für einen Ausgleich zwischen Familie, meiner professionellen Karriere als Mathematikprofessor und Klettern/Bouldern/Körpergewichtsübungen gesorgt.

John war dabei immer auf der Suche nach dem Flow. Ihn haben weniger die absoluten Schwierigkeiten interessiert, so wie sie heute für die meisten im Vordergrund stehen.

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Ganz im Gegenteil:

Mich faszinierte die durchgängige Bewegung am Fels in mittelschweren Routen. Dabei erfreute ich mich an dem Gefühl des Flows.

Faszinierend… und es geht weiter:

Der intensive Konkurrenzkampf beim Bouldern mit Gleichgesinnten, aber auch der Aspekt des Boulderns als eine Form von bewegter Meditation haben mir Spaß gemacht.

Ich habe gerne mittelschwere Probleme geübt, bis ich am Ende den Fels “hochgleiten” konnte (zumindest fühlte es sich so an!).

Dieses “Hochgleiten” lassen heutzutage viel zu viele Boulderer unberücksichtigt im Vergleich zu den absoluten Schwierigkeitsgraden. Dabei ist dieses Flow-Erlebnis in den mittleren Schwierigkeitsgraden doch das eigentlich Erstrebenswerte!

John Gill erklärt das Wesen des Bouldern

John Gill, Vater des modernen Boulderns, erklärt in diesem kurzen Video den Wesenskern von Bouldern. Bouldern ist mehr als nur Sport, es ist „the enjoyment of just climbing, of the movement“.

Er betont auch, dass Risiko und Gefahr kein Element von Bouldern sein sollte.

Ein wie ich finde richtiger und wichtiger Hinweis, bei vielen High Balls, die immer wieder besondere Anerkennung finden in der Szene. Genießt mehr die schönen Linien!

Bouldern nach John Gill

John Gill gilt als einer der Väter des modernen Bouldern. Er prägte den Begriff der „moving meditation“ für das Bouldern. Auch Udini verweist immer wieder auf John Gill und seine lesenswerten Artikel rund um die Philosophie & den Lifestyle des Boulderns.

Hangwaage Bouldern John Gill

Im Folgenden ein paar Zitate aus einem sehr lesenswerten Interview mit John Gill:

It ultimately comes down to concentration, focus. Easy problems can be delightful moving meditations, and the more challenging routes can sharpen your ability to focus. […]

If the only thing you can think of as you boulder is to punch out the other guy and boost your numerical rating, you miss the point of bouldering – which is to simplify the act of climbing, stripping away all extraneous factors.

Einfach herrlich! Das ist die Essenz des Boulderns!

Wunderbar und immer wieder lesenswert sind auch seine Ausführungen zum Thema Schwierigkeitsgrade:

Such ratings are not intrinsic to the rock – they are a social construct. The tail wags the dog. Besides, rating schemes are always flawed. I can no longer tell where genetics ends and “difficulty” begins. Can you? The truth is each act of climbing by an individual is an individual act, unrelated to someone else’s performance on the same rock. When you truly understand this, you free yourself from the strong currents of mainstream practice and philosophy and appreciate the simple, unexploited experience of climbing.

Bild via threerockbooks.com

Entspanntes Bouldern statt permanente Selbstoptimierung

Bouldern Blog

Hier in Berlin schwappt die Selbstoptimierungs-Welle in Form von organisierten Lauftrainings mächtig durch. Dabei treffen sich Berliner Hipster zum gemeinsamen Sporteln, begleitet von Pacemakern, Coachs und dröhnender Mucke aus dem Begleitfahrrad, das Ganze gesponsert von Sportartikel-Firmen. Mitvergnuegen hat es schön auf den Punkt gebracht:

„Die Laufgruppe ist so etwas wie der Kegelverein für Hipster geworden.“

Das Ganze passend begleitet von entsprechenden Posts in Social Media: Sich zeigen. Laufen. Schwitzen. Ständig am Limit, aber doch gut drauf. Noch abgedrehter der Freeletics-Wahnsinn, der allabendlich in den Parks der Großstädte zu beobachten ist: Durchschnittstypen, die den perfekten Sixpack herausschälen wollen und dabei den Würgereiz nach den 200. Burpees versuchen zu unterdrücken. Nichts belegt für mich diese Selbstoptimierungs-Sucht nach dem perfektem Körper so sehr wie Freelectis.

Dabei gibt es durchaus noch Alternativwelten, für alle die gerne in einer Gemeinschaft Spaß an sportlichen Herausforderungen haben – und auch noch echten Flow erleben wollen. Zum Beispiel Bouldern. Nur sollte man den Trend zum Bouldern vielleicht doch nicht zu sehr befeuern, schließlich wäre die Vorstellung von Bluetooth-Boomboxen beim Bouldern in Bleau doch wohl ein echter Horror, oder?!